"Analoge" Betriebe und digitale Vorreiter: Studie des ifh Göttingen zeigt Digitalisierungsmuster des Handwerks im ländlichen Raum

31. Mai 2021

Die Digitalisierung gehört zu den großen Zukunftsthemen für Mittelstand und Handwerk. In diesem Zusammenhang wird häufig vermutet, dass gerade der ländliche Raum und die dort ansässigen Unternehmen beim Einsatz neuer, digitalbasierter IuK-Technologien im Vergleich zu urbanen Regionen zurückbleiben. Dies wirft die Frage nach der Digitalisierung des Handwerks auf – denn für die wirtschaftliche, soziale und technologische Entwicklung von ländlichen Regionen sind gerade handwerkliche KMU von großer Bedeutung. Während bisherige Studien sich bereits das Digitalisierungsverhalten von Handwerksbetrieben angesehen haben, fehlte bislang eine Untersuchung, welche die Nutzung digitaler IuK-Technologien zwischen handwerklichen und nicht-handwerklichen KMU auf repräsentativer Basis vergleicht und dabei insbesondere auch einen Blick auf die Lage im ländlichen Raum wirft. Die vorliegende Studie untersucht daher das Digitalisierungsverhalten von handwerklichen KMU unter diesen Gesichtspunkten.

Zentrale Ergebnisse sind:

  1. Das Digitalisierungsverhalten von KMU lässt sich anhand von sogenannten Reifegradmodellen bewerten. Aus der Literatur lässt sich ableiten, dass KMU im Durchschnitt weniger digitalisiert sind als Großunternehmen.
  2. Über alle Regionen und Wirtschaftszweige hinweg stehen Handwerksbetriebe gegenüber nicht-handwerklichen KMU bei der Umsetzung der digitalen Transformation kaum nach. Vorliegende Nutzungsunterschiede bei IuK-Technologien lassen sich hauptsächlich auf die kleinbetrieblicheren Strukturen im Handwerk zurückführen.
  3. Ein Beispiel für die Auswirkungen der kleinbetrieblicheren Größenstruktur ist der IKT-Bereich „Soziale Netzwerke für die unternehmensinterne Kommunikation“. Hierauf greifen Handwerksbetriebe im Durchschnitt weniger stark zurück, da aufgrund der in Kleinst- und Kleinunternehmen kürzeren Kommunikationswege die Nutzung digitaler Hilfsmittel weniger notwendig sein dürfte.
  4. Wird nur der ländliche Raum in den Blick genommen, fallen die Nutzungsunterschiede zwischen Handwerk und Nicht-Handwerk bei einer Reihe von digitalen IuK-Technologien noch geringer aus. Dies bestätigt, dass gerade Handwerksbetriebe ein wichtiges Potenzial von ländlichen Regionen darstellen.
  5. Nur im Bereich der „Digitalen Absatzkanäle“ fallen ländliche Handwerksbetriebe stärker zurück als im regionsunabhängigen Gesamtvergleich, was dafürspricht, dass gerade handwerkliche KMU aus dem ländlichen Raum auf eine starke persönliche Kundennähe setzen und digitale Absatzmärkte im ländlichen Raum weniger attraktiv sind. Gleichzeitig ist bei Betrieben im ländlichen Raum unabhängig von der Handwerkseigenschaft die Nutzung von digitaler Kommunikation, Vernetzung und Datenaustausch tendenziell stärker verbreitet. Dies ist ein Indiz dafür, dass digitale IuK-Technologien auf dem Land dafür genutzt werden, um die geografische Distanz zum Kunden auf digitalem Wege zu überbrücken.
  6. Ein relativ starkes Zurückfallen des Handwerks bei der Umsetzung der digitalen Transformation zeigt sich, wenn der Blick nur auf das Verarbeitende Gewerbe gerichtet wird. Vor allem im Bereich der „Programmgesteuerten Produktion“, aber auch in den Bereichen „Software-Nutzung“, „Digitale Auftragsvergabe“, „Digitale Absatzkanäle“ und „Vernetzung und Datenaustausch“ zeigt sich ein deutlich geringeres Nutzungsniveau als im Nicht-Handwerk. Eine mögliche Erklärung hierfür sind die kleinbetrieblicheren Strukturen im Handwerk und die damit einhergehenden Größennachteile. Eine Implikation ist, dass insbesondere industrienahe Handwerksbetriebe auf Unterstützung bei der digitalen Transformation angewiesen sind.
  7. Die von den Betrieben zusätzlich hoch eingeschätzte Bedeutung einzelner digitaler IuK-Technologien bestätigt das beschriebene Nutzungsverhalten weitgehend. Eine Ausnahme bildet die Bedeutung mobiler Endgeräte (z.B. Smartphones, Tablets, Datenbrillen), die eine dezentrale, unternehmensinterne Kommunikation ermöglichen und daher für handwerkliche KMU besonders wichtig sind.
  8. Basierend auf den deskriptiven Ergebnissen wurde eine Faktorenanalyse durchgeführt, welche die Variablen zur Messung von Digitalisierungsverhalten der KMU weiter verdichtet. Die im handwerklichen Mittelstand genutzten digitalen IuK-Technologien könnten demnach zu drei IKT-Bereichen verdichtet werden: 1. Digitale Basistechnologien, 2. Digitale Plattformen und 3. Digitale Fertigung / Industrie 4.0.
  9. Eine empirische Typisierung von KMU aus dem Handwerk auf Basis einer Clusteranalyse zeigt, dass – im Einklang zum Reifegradmodell der Digitalisierung – von vier Digitalisierungstypen handwerklicher KMU auszugehen ist. Für diese Gruppen wurden folgende Label gewählt: 1. „Analoge Betriebe“, 2. „Digitale Beginner“, 3. „Teilnehmer der Plattform-Ökonomie“ und 4. „Digitale Vorreiter beim Handwerk 4.0“.
  10. Die errechneten Anteile dieser Gruppen am handwerklichen Mittelstand sind wie folgt: „Analoge Betriebe“ (17 %), „Digitale Beginner“ (54 %), „Teilnehmer der Plattform-Ökonomie“ (10 %) und „Digitale Vorreiter beim Handwerk 4.0“ (19 %).
  11. Während die ersten beiden Gruppen digitale IKT entweder kaum bis gar nicht („Analoge Betriebe“) oder nur auf einem Basisniveau („Digitale Beginner“) nutzen, kommen bei der dritten Gruppe soziale Netzwerke für die Personalrekrutierung und für die interne wie externe Kommunikation sowie die Nutzung von digitalen Absatzkanälen zum Vertrieb von Produkten (z.B. über Internet-Plattformen oder Online-Shops) hinzu. In der vierten Gruppe der „digitalen Vorreiter“ wird zusätzlich auf programmgesteuerte Produktionsmittel (z.B. Industrieroboter oder CNC-Maschinen) und die digitale Vernetzung sowie Datenaustausch zwischen Anlagen, Prozessen und Produkten im Sinne der Industrie 4.0 gesetzt. In dieser Gruppe sind in hohem Maße Betriebe aus dem Zulieferer- und Investitionsgüterhandwerk vertreten.
  12. Die räumliche Analyse zeigt, dass an der Plattformökonomie partizipierende Handwerksbetriebe eher in städtischen Regionen ansässig sind. Interessanterweise haben dagegen sowohl die „analogen Betriebe“ der ersten Gruppe als auch die „digitalen Vorreiter“ der vierten Gruppe in der Tendenz ihren Unternehmenssitz eher im ländlichen Raum. Am Beispiel des handwerklichen Mittelstands zeigt sich somit, dass die sog. „Digital Divide“-These (im Sinne einer digitalen Spaltung zwischen Stadt und Land) und die sog. „Death of Distance“-These (im Sinne der raumüberwindenden Wirkungen digitaler IuK-Technologien) offenbar gleichberechtigt ihre Gültigkeit haben.

Als inhaltlicher Ansprechpartner zu den Ergebnissen dieser Studie steht Dr. Jörg Thomä zur Verfügung.

Download der Studie

Veröffentlichungen Newsletter Kontakt About us
Nach oben