Interaktives Lernen - Schlüssel zum Innovationserfolg nicht-FuE-intensiver KMU?

6. September 2019

Zusammenfassung der Studie

In Kooperation mit der volks­wirt­schaft­lichen Abteilung der KfW Bankengruppe hat das ifh Göttingen untersucht, welchen Stellenwert interaktives Lernen für den Innovationserfolg insbesondere von weniger Forschung- und Entwick­lungs- (FuE)-intensiven kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) hat, etwa von solchen aus der Handwerks­wirt­schaft. Die diesbezügliche Ausgangs­hypothese lautet, dass nicht-FuE-aktive Unternehmen, die interaktives Lernen intern in Form eines ausgeprägten innovationsbezogenen Zusammen­wirkens von Beschäftigten und Inhabern kultiviert haben, und insbesondere solche, die dies zusätzlich mit innova­tions­förderlichen Wechselbeziehungen zu externen Akteuren und Institutionen verbinden, eine ähnlich gute wirtschaft­lichen Performance haben wie FuE-aktive Innovatoren.

Um dies zu untersuchen, wurde das STI-DUI-Konzept auf den deutschen Mittelstand übertragen, wobei unter anderem die Handwerkswirtschaft als ein Teilbereich berücksichtigt wird. Dieses unterscheidet zwischen (1) dem „Science, Technology, Innovation (STI)-Modus“, wonach Innovationsaktivitäten auf Unternehmensebene durch kontinuier­liche interne Forschung und Entwicklungsarbeit vorangetrieben werden, und (2) dem „Doing, Using, Interacting (DUI)-Modus“ mit seiner Betonung von Innovationsaktivitäten, die auf personengebundenem Erfahrungs­wissen und interaktivem Lernen beruhen. Auf dieser Grundlage werden mit Hilfe von Daten des KfW-Mittelstandspanels drei Gruppen innovationsaktiver KMU hinsichtlich ihrer unterschiedlichen Lern- und Innovationsweise identifiziert und beschrieben: 1. die „auf branchen­spe­zi­fisches Wissen spezialisierten Innovatoren“, 2. die „absatzmarkt­orientierten Innovatoren“ sowie 3. die „STI- und DUI-Modus kombinierenden Innovatoren“.

Hinsichtlich der sich hieraus ergebenden wirtschaftspolitischen Implikationen ist der in der Untersuchung gemachte Befund wichtig, dass alle drei Innovatorentypen – zumindest bis zu einem gewissen Grad – eine positive wirtschaftliche Performance haben. Solange besonders wachstumsintensive Segmente ausgeklammert sind, gibt es keine Performanceunterschiede zwischen den drei Gruppen. In weiten Teilen des KMU-Sektors ist es folglich für Unternehmen ökonomisch rational, einen weniger FuE-orientierten Lern- und Innovationsmodus zu wählen.

„Um den unterschiedlichen Lernweisen innovationsaktiver KMU Rechnung zu tragen, sollten wirtschaftspolitische Entscheidungsträger den typischen FuE-Fokus um einen Blick auf die generelle Innovationsfähigkeit von KMU ergänzen.“

Die Studienergebnisse in Kürze

  • Eine Auswertung des KfW-Mittelstandspanels zeigt, dass sich innovationsaktive KMU hinsichtlich des Stellenwerts interner FuE und interaktiven Lernens in drei Gruppen unterscheiden lassen.
  • Die auf „branchenspezifisches Wissen spezialisierten Innovatoren” sind Unternehmen, die durch den Zugang zu externem Branchenwissen (Zulieferer, Messen, Fachpresse) auch gänzlich ohne eigene FuE innovativ tätig sind.
  • Die „absatzmarktorientierten Innovatoren“ umfassen solche KMU, die zwar bereits über gewisse eigene FuE-Kompetenzen verfügen, deren Innovationsfähigkeit sich jedoch vorrangig aus interaktiven Lernbeziehungen zur Kundenseite und einer ausgeprägten internen Fehler- und Austauschkultur speist.
  • Die „STI- und DUI-Modus kombinierenden Innovatoren“ betreiben – ganz nach dem klassischen Innovationsverständnis – intensiv interne FuE und den Austausch mit externen Wissenschaftseinrichtungen.
  • Für Handwerksunternehmen ist es am wahrscheinlichsten, einer der ersten beiden Gruppen anzugehören.
  • In weiten Teilen des mittelständischen Innovationsgeschehens ist es wirtschaftlich weder von Vor- noch von Nachteil, ob eigene FuE durchgeführt wird oder nicht.
  • Folglich ist die unternehmerische Entscheidung für einen nicht FuE-basierten Lern- und Innovationsmodus als ökonomisch rational anzusehen.
  • Dies spricht dafür, dass im Rahmen der Innovationspolitik der typische FuE-Fokus um eine Unterstützung der generellen Innovationsfähigkeit von KMU ergänzt wird.

Ausführliche Zusammenfassung

Theoretisch lassen sich auf der Unter­nehmensebene zwei idealtypische Lern- und Innovationsmodi unterscheiden. In beiden kommt interaktivem Lernen auf unterschiedliche Art und Weise eine wichtige Bedeutung zu: Im „Science, Technology and Innovation STI-Modus“ werden die ausgeprägten Kompetenzen im internen FuE-Bereich durch Kooperationen mit externen Wissenschaftseinrichtungen kombiniert, um Innovationen mit hohem Neuheitsgrad zu generieren. Im „Doing, Using and Interacting DUI-Modus“ wird hingegen das Fehlen eigener FuE durch eine ausgeprägte Fehler- und Austauschkultur im Unternehmen und durch interaktives Lernen mit Kunden und Zulieferern kompensiert. Im Ergebnis stehen häufig anwendungsnahe Problemlösungen, die einen inkrementellen Neuheitscharakter aufweisen. Methoden, die zur Förderung der interaktiven Lernfähigkeit von Unternehmen dienen, dürften daher insbesondere für den Innovationserfolg von weniger FuE-intensiven Unternehmen von Relevanz sein.

Im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit der volkswirtschaftlichen Abteilung der KfW Bankengruppe (KfW Research) hat das ifh Göttingen nun das STI/DUI-Konzept auf die Innovationspraxis im deutschen Mittelstand übertragen. Konkret wurde die Rolle von interaktivem Lernen für den Innovationserfolg von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) untersucht. Ein besonderer Fokus lag dabei auf weniger FuE-orientierten Innovatoren – nicht zuletzt, um zum besseren Verständnis des DUI-Modus beizutragen. Nach den empirischen Ergebnissen lassen sich drei Lern- und Innovationsmodi unterscheiden. Auf der einen Seite stehen die („auf branchenspezifisches Wissen spezialisierte Innovatoren“). Hierbei handelt es sich um KMU, denen der Zugang zu externem Branchenwissen über Zulieferer, Messebesuche oder das Lesen der Fachpresse ermöglicht, auch gänzlich ohne eigene FuE inkrementelle Innovationsbeiträge zu leisten. Im Innovationssystem treiben die Vertreter dieser Gruppe typischerweise die Diffusion neuer Technologien in die Breite voran. Ein typisches Beispiel für diesen Lern- und Innovationsmodus sind handwerkliche Kleinst- und Kleinunternehmen aus dem Bausektor.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich die „STI- und DUI-Modus kombinierenden Innovatoren“. Durch ausgeprägte interne FuE-Kompetenzen und den Austausch mit externen Dienstleistungs- und Wissenschafts­einrichtungen sind die entsprechenden KMU in der Lage, originäre Innovationen mit hohem Neuheitsgrad proaktiv hervorzubringen. Im Innovationssystem kommt den Vertretern dieses Lern- und Innovationsmodus daher eine wichtige technologische Vorreiterfunktion zu. Zugleich bestätigt sich das Ergebnis früherer Studien, wonach der STI-Modus kaum allein funktionieren kann. Denn im Falle dieses FuE-orientierten Lern- und Innovationsmodus ist das Vorhandensein von ergänzenden DUI-Kompetenzen ebenfalls entscheidend. Ein typisches Beispiel für diese Gruppe sind größere forschungsstarke KMU aus der Industrie und dem Dienstleistungssektor.

Irgendwo zwischen diesen beiden Gruppen positioniert finden sich die „absatzmarktorientierten Innovatoren“. Hierbei handelt es sich um solche KMU, die zwar bereits über gewisse eigene FuE-Kompetenzen verfügen, jedoch den Schwerpunkt ihrer Innovationsaktivitäten in anderen Bereichen haben. Das anwendungsnahe Erfahrungswissen von Mitarbeitern und Inhabern, welches aus interaktiven Lernbeziehungen zur Kundenseite heraus entsteht, bildet im Falle dieser Unternehmen die entscheidende Grundlage der Innovationsfähigkeit. Anders als in der Gruppe der „auf branchenspezifisches Wissen spezialisierten Innovatoren“ können die KMU dieser dritten Gruppe das Fehlen interner FuE zumindest bis zu einem gewissen Grad durch eine ausgeprägte interne Fehler- und Austauschkultur kompensieren und so aus sich selbst heraus Innovationen hervorbringen. Im Ergebnis stehen neben inkrementellen Modifikationen häufig auch schon originäre Innovations­beiträge mit höherem Neuheitsgrad. Im Innovationssystem haben die Vertreter der „absatzmarktorientierten Innovatoren“ typischerweise die Funktion des Problemlösers inne. Ein typisches Beispiel sind Handwerksunternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, die auf bestimmte Marktsegmente und das Schaffen von individuellen Kundenlösungen spezialisiert sind.

Hinsichtlich der sich hieraus ergebenden wirtschaftspolitischen Implikationen ist der in der Untersuchung gemachte Befund wichtig, dass alle drei Lern- und Innovationsmodi – zumindest bis zu einem gewissen Grade – die wirtschaftliche Performance von KMU positiv beeinflussen. Solange besonders wachstumsintensive Unternehmens­segmente ausgeklammert sind, gibt es keine Performanceunterschiede zwischen den drei Gruppen. In weiten Teilen des KMU-Sektors ist es folglich für Unternehmen durchaus ökonomisch rational, einen weniger FuE-orientierten Lern- und Innovationsmodus zu wählen. Um den unterschiedlichen Lernweisen innovationsaktiver KMU Rechnung zu tragen, sollten politische Entscheidungs­träger daher den typischen FuE-Fokus um einen Blick auf die generelle Innovationsfähigkeit von KMU ergänzen.

Als inhaltlicher Ansprechpartner zu den Ergebnissen dieser Studie steht Dr. Jörg Thomä zur Verfügung.

Download des englischsprachigen Working Papers auf den Seiten des ifh Göttingen: Link zum Working Paper

Download zweier deutschsprachiger Papiere auf den Seiten der KfW Research, in der die Ergebnisse des ifh Working Papers anwendungsnah aufbereitet sind:

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