Handwerk in Sachsen-Anhalt

Müller, K. & Mecke, I. (1997). Handwerk in Sachsen-Anhalt. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien (Band 52). Duderstadt.

Beim Neuaufbau leistungs- und wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstrukturen in den neuen Bundesländern kommt dem Handwerk eine wichtige Bedeutung zu. Daher genießt dieser Wirtschaftsbereich gegenwärtig eine große Aufmerksamkeit, wozu sicher auch beigetragen hat, daß das Handwerk durch eine beachtliche Beschäftigtenzunahme den Arbeitsmarkt nicht unerheblich entlastet hat.

Im Auftrag des Wirtschaftsministeriums Sachsen-Anhalts wurde nun vom Seminar für Handwerkswesen an der Universität Göttingen zum ersten Mal eine umfangreiche Strukturanalyse über das Handwerk eines der neuen Bundesländer erstellt, wobei die grundlegenden Ergebnisse auf die anderen neuen Bundesländer übertragen werden können. Grundlage dieser Studie waren vor allem die Ergebnisse der Handwerkszählung 1995 sowie eine gründliche Auswertung der Handwerksrollen der beiden Kammern und kleine empirische Erhebungen bei Handwerksbetrieben.

Im Einzelnen wurden folgende wichtige Ergebnisse ermittelt:

Insgesamt weist das Handwerk etwa 50.000 Arbeitsplätze mehr als die Industrie auf. Nur noch in wenigen Kreisen des Landes, z.B. in Merseburg-Querfurt und im Stadtkreis Dessau, hat die Industrie ein Übergewicht.

Seit der Wende konnte das Handwerk die Zahl seiner Beschäftigten etwa verdreifachen, wobei diese Beschäftigtenexpansion nicht in allen Handwerksgruppen gleichmäßig verlief. Am stärksten expandierten die Bauhandwerke (sowohl das Bauhauptgewerbe als auch das Ausbauhandwerk) und das Kfz-Gewerbe. In anderen Handwerkszweigen so vor allem den Produzierenden Handwerken für einen speziellen Konsumbedarf, wie den Schneidern, ging dagegen die Zahl der Beschäftigten zurück. Diese Branchen mußten einen Schrumpfungsprozeß, der sich im westdeutschen Handwerk über Jahrzehnte hinweg entwickelte, innerhalb weniger Jahre nachholen.

Am stärksten zur Beschäftigungsexpansion haben die vielen Neugründungen nach der Wende beigetragen. So stieg die Betriebsanzahl von 1989 nach 1995 insgesamt um 45 %. Die Betriebsexpansion war im ersten Jahr nach der Wende, also in 1990, mit einem Nettozuwachs von 6.600 Betrieben am größten. Danach gingen die jährlichen Zuwachsraten kontinuierlich zurück, so daß heute fast ein Gleichstand zwischen Neugründungen und Löschungen im Handwerk Sachsen-Anhalts zu beobachten ist.

Der Betriebszuwachs im Handwerk war in den letzten Jahren mit einer erheblichen Fluktuation, d.h., einer hohen Löschungs- und einer hohen Neueintragungsquote, verbunden. Diese Quoten lagen erheblich über denen in den alten Bundesländern. Der Grund hierfür liegt vor allem darin, daß derzeit die Überlebensrate bei vielen Neugründungen relativ gering ist. Diese Situation ist für wirtschaftliche Umbruchphasen, wie gegenwärtig in Sachsen-Anhalt zu beobachten, nicht unüblich. Sie ist ein Indiz dafür, daß der Umstrukturierungsprozeß noch nicht abgeschlossen ist.

Wagt man einen Blick in die Zukunft, so zeichnen sich für das Handwerk positive und negative Entwicklungsfaktoren ab. Als positiver Faktor kann vor allem angeführt werden, daß der große Nachholbedarf nach handwerklichen Gütern und Leistungen noch längst nicht befriedigt ist. Insbesondere im Baubereich ist weit bis ins nächste Jahrhundert ein erheblicher Bedarf zu prognostizieren.

Negativ sind jedoch die gesunkene Baunachfrage (schlechtere Förderkonditionen), die Ausgabenkürzungen der öffentlichen Hand, die geringe Industriedichte und der Ablauf der tilgungsfreien Zeit bei Inanspruchnahme öffentlicher Finanzierungshilfen zu bewerten. Ob die positiven oder die negativen Faktoren die Oberhand behalten werden, dürfte primär von der Entwicklung der Einkommensituation abhängen .



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