Beschäftigungseffekte durch Umweltschutz im Handwerk

Weimer, S. & Müller, K. (2001). Beschäftigungseffekte durch Umweltschutz im Handwerk. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Arbeitshefte (Heft 43). Göttingen.

Weitgehend unstrittig dürfte sein, dass das zunehmende Umweltbewusstsein der Verbraucher und die steigenden Anforderungen an Ressourcenschonung der Wirtschaft insgesamt, aber auch speziell dem Handwerk neue Absatzchancen und damit Beschäftigungspotenziale eröffnen. Exakte Daten über den handwerklichen Umweltschutzmarkt liegen allerdings bislang nicht vor. Zuverlässige Informationen über den Markt für Umweltschutzgüter und -dienstleistungen im Handwerk und die damit verbundenen Arbeitsplatzpotenziale wären aber nicht nur notwendig, um die künftigen Marktpotenziale für die Handwerksbetriebe genauer abschätzen zu können, sondern sollten eine wichtige Motivation sein, sich energischer und gezielter für die Erschließung dieser Märkte einzusetzen.

Ziel einer in Zusammenarbeit von SfH Göttingen und dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF) München durchgeführten Auswertung der vorhandenen Literatur zur beschäftigungspolitischen Bedeutung des Umweltschutzes war es daher, vorliegende empirische Ergebnisse daraufhin zu analysieren, ob sich aus ihnen Aussagen über Beschäftigungspotenziale des Umweltschutzes für das Handwerk bzw. bestimmte Handwerksbranchen ableiten lassen.

Die Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Bedeutung des Umweltschutzmarktes für das Handwerk macht deutlich, dass das Handwerk bereits derzeit mit einer breiten Palette von Angeboten im Umweltschutzmarkt vertreten ist und dass hierdurch eine erhebliche Anzahl von Arbeitsplätzen im Handwerk gesichert wird. Vorhandene repräsentative Untersuchungen für die Gesamtwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland lassen - bei allen methodischen Problemen – den Schluss zu, dass der Anteil der durch Umweltschutzaktivitäten induzierten Beschäftigung im Handwerk dabei höher liegt als in der Gesamtwirtschaft: Wurde für die gesamte Wirtschaft für das Jahr 1994 ein Anteil von 2,7 % an allen Arbeitsplätzen berechnet, so liegt der Anteil der umweltschutzinduzierten Beschäftigung an den ca. 6 Mill. Arbeitsplätzen im Handwerk nach einer neueren Untersuchung aus dem Jahr 1999 bei mindestens 3,5 %.

Ebenso wichtig ist die Frage, inwieweit das Handwerk von einer Ausweitung ökologischer Investitionen – z.B. im Rahmen umfassender Klimaschutzprogramme – profitieren kann. Auch bei den hierzu vorliegenden Untersuchungen werden Zahlen für das Handwerk nicht ausgewiesen. Indirekt lassen sich jedoch Anhaltspunkte für diesen Wirtschaftssektor gewinnen, indem man Tätigkeiten, in denen das Handwerk dominiert bzw. eine starke Stellung hat, betrachtet. Dies ist in erster Linie das Bau- und Ausbaugewerbe. Die meisten Untersuchungen über mögliche Beschäftigungseffekte berücksichtigen allerdings lediglich einzelne Maßnahmen einer Umweltschutzpolitik, die meistens im Bereich der Energieeinsparung (REN), teils auch im Einsatz regenerativer Energien liegen (REG).

Einig sind sich diese Untersuchungen darin, dass die größten positiven Beschäftigungseffekte für das Handwerk in einer Umsetzung von Strategien zur Wärmedämmung im Baubereich liegen dürften (Fassaden, Fenster, Dächer etc.) Allerdings gibt es in bezug auf die Größe der prognostizierten Beschäftigungseffekte erhebliche Unterschiede. Berechnet man einen Beschäftigungsindikator, also die Zahl an Arbeitsplätzen, die durch eine zusätzliche Investitionsnachfrage in Höhe von 1 Mrd. DM in diesem Bereich geschaffen werden könnten, so liegt der positive Beschäftigungseffekt im Durchschnitt der Untersuchungen bei 6000 zusätzlichen Arbeitsplätzen, die insbesondere den Bau- und Ausbaugewerken zugute kommen. Angesichts von knapp 6 Mill. Beschäftigten im Handwerk mag dieser Effekt gering erschienen. Zu bedenken ist jedoch, dass mit den Maßnahmeprogrammen zur Wärmedämmung nur ein kleiner Ausschnitt möglicher Energieeinsparungsmaßnahmen betrachtet wird. Weitere, für das Handwerk bedeutsame Bereiche wären die Modernisierung von Heizungsanlagen sowie der Markt des Einsatzes regenerativer Energien.

Zu berücksichtigen ist auch, dass das Handwerk eine sehr breite Palette von Umweltschutztätigkeiten anbietet, die weit über den REG- und REN-Bereich hinausgehen. So werden gerade für das Handwerk (zumindest langfristig) durchaus relevante ökologische Betätigungsfelder, wie z.B. verstärktes Reparieren, Demontage und Recycling (von Altautos über Elektrogeräte bis hin zu Bauten), in den gängigen Studien (bis auf eine Ausnahme) nicht erfasst. Der potenzielle Arbeitsplatzeffekt durch Umweltschutztätigkeiten im Handwerk wird also unterschätzt.

Die Gründe dafür, dass insbesondere das Handwerk positive Beschäftigungseffekte aufweist, sind vielfältig:

  1. Beschäftigungseffekte rühren vor allem daher, dass eine kapitalintensive konventionelle Energieerzeugung durch arbeitsintensive Wärmedämmmaßnahmen reduziert wird. Das Handwerk ist primär in diesem arbeitsintensiven Bereich tätig.
  2. Beschäftigungseffekte fallen längerfristig vor allem im Betrieb der Umweltschutzanlagen bei Wartung und Reparatur an, wo primär das Handwerk tätig ist.
  3. Beschäftigungseffekte entstehen nach den vorliegenden Untersuchungen vor allem in der Altbausanierung. Gerade in diesem Marktsegment liegt eine Domäne des Handwerks.
  4. Zur Verbesserung des Umweltschutzes sind häufig individuelle Lösungen gefragt. Hier weist das Handwerk Stärken auf, indem es ergänzende Dienstleistungen anbietet, Nischen besetzt oder die vorhandenen Lösungen an die speziellen Wünsche der Abnehmer anpasst.

Aus diesen für das Handwerk insgesamt positiven Ansatzpunkten darf aber nicht geschlossen werden, dass der Umweltschutzmarkt dem Handwerk in den nächsten Jahren von selbst in "den Schoß fallen" wird. Denn zum einen handelt es sich hier lediglich um Potenziale, die durch eine entsprechende aktive Markterschließungspolitik erst noch realisiert werden müssen; zum anderen betreffen diese Potenziale nicht das Handwerk an sich, sondern Märkte, auf denen das Handwerk stark präsent ist. Zur Realisierung dieser Potenziale muss das Handwerk daher eine offensive Marketingstrategie durchführen. Hier bestehen derzeit bei vielen Betrieben noch erhebliche Defizite. Selbst da, wo es sich wie z.B. bei der thermischen Solarenergienutzung um erprobte, ausgereifte Technologien handelt, geht ihre Diffusion und die Erschließung dieser Marktfelder durch das Handwerk eher schleppend voran. Dies ist umso gravierender, da diese Märkte bereits intensiv durch Konkurrenten des Handwerks bearbeitet werden.

Eine offensive Markterschließung in diesen neuen Tätigkeitsfeldern erscheint im Handwerk damit notwendiger denn je. Durch die Erschließung des Umweltmarktes könnten in diesem Wirtschaftsbereich nicht nur gefährdete Arbeitsplätze erhalten, sondern auch zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch vor dem Hintergrund anhaltend hoher Arbeitslosigkeit ist die konsequente Erschließung dieser Beschäftigungschancen als eine wichtige Zukunftsaufgabe des Handwerks zu betrachten.



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