Der Generationswechsel im Handwerk im Zeichen von Existenzgründungsprognosen

Müller, K. (2003). Der Generationswechsel im Handwerk im Zeichen von Existenzgründungsprognosen. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Arbeitshefte (Heft 52). Göttingen.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Diskussion um die Novellierung der Handwerksordnung liegt das Ziel des Arbeitsheftes darin, Argumente für die Diskussion über das gegenwärtige und zukünftige Existenzgründungsgeschehen und den Generationswechsel im Handwerk zu liefern.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist, dass die Zahl der Existenzgründungen im Handwerk seit einigen Jahren stark zurückgeht. Dies liegt jedoch nicht daran, dass das Interesse an einer Selbstständigkeit in diesem Wirtschaftsbereich nachgelassen hat (Verhaltensfaktor), sondern vor allem daran, dass durch den demographischen Wandel die Zahl der Personen in dem Alter, in dem Gründungen primär vorgenommen werden, sehr stark gesunken ist. Sieht man den Demographischen Faktor als kaum beeinflussbar an, hat sich das Existenzgründungsgeschehen im Handwerk also nicht so schlecht entwickelt, wie häufig behauptet wird. Dafür spricht, dass der Anteil des Handwerks an allen Existenzgründungen in den letzten Jahren mit ca. 14 % in etwa konstant geblieben ist.

Die Prognose für die Existenzgründungszahlen im Handwerk wurde für unterschiedliche Entwicklungen sowohl des Demographischen Faktors als auch des Verhaltensfaktors durchgeführt. Bei den meisten Varianten der Prognose wird die Zahl der Zugänge in die Handwerksrolle bis zum Jahr 2010 von derzeit 34.000 (früheres Bundesgebiet) bzw. 8.600 (neue Bundesländer) auf ca. 26.000 bzw. 7.000 stark sinken. Nur unter optimistischen Annahmen wird der Rückgang geringer ausfallen.

Bei der Ermittlung der Meisterreserve ist zwischen einer Reserve im engeren und einer Reserve im weiteren Sinne zu unterscheiden. Die Meisterreserve im weiteren Sinne gibt die Zahl aller Handwerksmeister an, die sich noch nicht selbstständig gemacht haben, an. Die Meisterreserve im weiteren Sinne ist dagegen um diejenigen Personen reduziert, die an einer Selbstständigkeit kein Interesse haben. Nach den Berechnungen des Seminars für Handwerkswesen liegt die Meisterreserve im weiteren Sinne, sofern als Zeitraum die letzten 20 Jahren herangezogen werden, bei 230.000 Meistern. Reduziert man diesen Zeitraum auf die letzten 10 Jahre, sind es nur noch 80.000 Personen. Betrachtet man die Meisterreserve im engeren Sinne, so sinken diese Werte auf 128.000 bei einer Berücksichtigung der letzten 20 Jahre bzw. auf ca. 45.000 bei Berücksichtigung der letzten 10 Jahre.

Die Meisterreserve im Handwerk ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Vieles deutet darauf hin, dass das Interesse der Jungmeister an einer Selbstständigkeit gestiegen ist. Auch dürften sich heute mehr Existenzgründer im Handwerk aufgrund einer anderen Zugangsvoraussetzung oder einer Ausnahmeregelung selbstständig machen als früher. Lässt man die wahrscheinlichen Wirkungen der Novellierung außen vor, so dürfte die Zahl der Meister im Handwerk nach der Prognose in nächsten Jahren wieder leicht steigen.

Der Betriebsbestand im Handwerk wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich erheblich sinken. Nur unter sehr optimistischen Annahmen kann für die neuen Bundesländer eine leichte Erhöhung prognostiziert werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Zahl der Betriebe bis zum Jahr 2010 auf 463.000 (früheres Bundesgebiet) bzw. gut 100.000 (neue Bundesländer) zurückgehen wird.

Bezogen auf den Generationswechsel im Handwerk bedeuten die Ergebnisse, dass in den nächsten 10 Jahren werden etwa 240.000 handwerkliche Betriebsinhaber ausscheiden. Davon sind etwa 80.000 bis 120.000 Betriebe übergabefähig. Von den im gleichen Zeitraum prognostizierten 240.000 Existenzgründern im Handwerk interessieren sich etwa 80.000 bis 120.000 für eine Übernahme. Somit kann nicht davon ausgegangen werden, dass in den nächsten Jahren ein erhebliches Nachfolgedefizit eintreten wird. In regionaler und branchenbezogener Hinsicht kann es jedoch zu Engpässen kommen.

Zu beachten ist, dass die Ergebnisse der Studie auf Basis der bisherigen Handwerksordnung abgeleitet wurden. Welche genauen Auswirkungen deren geplante Novellierung auf die Zahl der Betriebe und Beschäftigten haben wird, ist nur schwer vorauszusagen. Sicher dürften sich Impulse für eine Erhöhung der Zahl der Existenzgründungen im Handwerk ergeben. Dies gilt insbesondere für diejenigen Handwerkszweige, die von Anlage A nach Anlage B überführt werden sollen, wo es also keinerlei Zugangsbeschränkungen mehr gibt. Ob die Zahl jedoch gegenüber dem letzten Jahr ansteigen oder ob sich der Rückgang nur reduzieren wird, ist unklar. Dies hängt davon ab, ob der Verhaltensfaktor, der sich sicher positiv entwickeln wird, den negativen Trend des Demographischen Faktors kompensieren kann.

Dies ist jedoch nicht unbedingt zu erwarten. Zum einen ist auch die Zahl der Existenzgründungen im handwerksähnlichen Gewerbe, wo bislang schon keine Zugangsbeschränkung vorliegt, seit fünf Jahren rückläufig, wobei dieser Trend sogar stärker als im Vollhandwerk ausfällt. Zum anderen stellt das fehlende Eigenkapital sicher ein großer Hemmschuh für zusätzliche Existenzgründungen dar. Gerade vor dem Hintergrund der derzeitigen restriktiven Kreditvergabe von Sparkassen und Banken erscheinen hier Fragezeichen angebracht. Wahrscheinlich wird vor allem die Zahl der Gründungen mit relativ geringem Kapitalumsatz steigen.

Sicher erscheint hingegen, dass sich der bisherige Zusammenhang zwischen Meisterprüfungen und Existenzgründungen auflösen wird, da die Zahl der Meisterprüfungen gegen den prognostizierten Trend zurückgehen dürfte. Außerdem dürfte die Abgangsquote steigen, da die zusätzlichen Existenzgründer in Folge ihrer geringeren Qualifikation wahrscheinlich eine geringe Überlebensrate aufweisen.

Zu beachten ist außerdem, dass aus den zusätzlichen Existenzgründungen aufgrund der Novellierung der Handwerksordnung nicht unbedingt ein positiver Beschäftigungseffekt resultiert. Zu erwarten ist, dass vor allem diejenigen Handwerker eine selbstständige Existenz gründen, die bislang keine Meisterprüfung abgelegt haben. Damit fehlt ihnen jedoch eine wichtige Grundlage, um in einen innovativen Wettbewerbsprozess einsteigen können. Die Gefahr besteht, dass sie ihr Überleben am Markt primär durch einen ruinösen Preiswettbewerb zu sichern versuchen. Die Folge ist, dass durch die geringe Preiselastizität auf den meisten Handwerksmärkten die Marktneulinge keine stabile Basis aufbauen können und die bisherigen Unternehmen so große Verluste erleiden, dass sie sich nicht mehr am Markt behaupten können. Das Ergebnis wäre ein Negativsummenspiel; die Beschäftigung würde also sinken.

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