Struktur- und Potenzialanalyse des Handwerks in der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen

Müller, K. & Reißig (2007). Struktur- und Potenzialanalyse des Handwerks in der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien (Band 75). Duderstadt.

Das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh Göttingen) hat eine Studie veröffentlicht, die den handwerklichen Beitrag zur Entwicklung der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen verdeutlicht. Dies ist deshalb so wichtig, weil das Handwerk und seine volkswirtschaftliche Bedeutung oftmals vernachlässigt werden und das Hauptaugenmerk lediglich auf großindustrielle Akteure gelegt wird.

In den letzten Jahren sind in Deutschland und europaweit einige Metropolregionen gegründet worden, so auch die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen. Jedoch wird das Handwerk als metropolitaner Akteur meist gar nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Mit dieser Fehleinschätzung räumt die Studie nun auf und zeigt, dass das Handwerk wichtige volkswirtschaftliche Aufgaben erfüllt, die der gesamten Metropolregion zugute kommen. Allerdings sind die Ergebnisse der Studie auch Beleg dafür, dass es noch eine Reihe von Entwicklungspotenzialen in diesem Wirtschaftsbereich gibt, bei denen die Handwerkskammern und auch die Regionalpolitik unterstützend wirken können.

Die Studie geht auf eine bislang einmalige Initiative der drei Handwerkskammern Braunschweig, Hannover und Hildesheim-Südniedersachsen zurück. Ziel dieser Studie, in die auch finanzielle Mittel der Metropolregion einflossen, war es, die volkswirtschaftlichen Funktionen des Handwerks in einer Metropolregion genau zu beschreiben und die Einbindung des Handwerks in den Wertschöpfungsprozess zu dokumentieren. Dazu fand eine empirische Erhebung bei über 900 Handwerksunternehmen und bei etwa 30 Bildungseinrichtungen des Handwerks statt. Einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn ermöglichen die Ergebnisse von zwei durchgeführten Workshops und der Interviews von Betrieben, anhand deren Unternehmensprofile die wichtigen metropolitanen Funktionen des Handwerks besonders gut veranschaulicht werden können.

Das Handwerk als eigenständiger Wirtschaftsbereich kann in vielerlei Hinsicht von einer gut funktionierenden Metropolregion profitieren, so z.B. von einer effektiveren Wissensvernetzung und verbesserten überregionalen Vermarktungsmöglichkeiten. Deshalb sollte es Interesse an einer Stärkung der Metropolregion haben. Dieses gilt auch umgekehrt, denn das Handwerk hat auch einiges in die Metropolregion einzubringen. Abgesehen davon, dass dieser Wirtschaftsbereich eine beachtliche quantitative Bedeutung innerhalb der Volkswirtschaft aufweist (gemessen bspw. am Anteil von Betrieben oder Beschäftigten), betrifft dies sowohl die Basisstrukturen innerhalb der Metropolregion, so z.B. seine Innovationsdynamik verbunden mit einer beachtlichen Internationalisierung, als auch – und dies erscheint insgesamt noch wichtiger – die Komplementärstrukturen. Hier erfüllt das Handwerk insbesondere im Bereich der Humankapitalbildung und durch seine vielfältigen Vernetzungsaktivitäten wichtige Funktionen.

Das Handwerk ist jedoch zu differenzieren. Zum einen ist die große Gruppe an Betrieben zu erwähnen, deren Unternehmensprofile an das "klassische Bild" eines Handwerksbetriebes erinnern, so z.B. die Regionalität, die auftragsbezogene Fertigung und den engen Privatkundenkontakt. Aber auch diese Gruppe weist wichtige Funktionen für die Metropolregion auf. Beispielsweise sind Handwerksbetriebe gerade in den ländlichen Gebieten häufig die einzigen oder die dominierenden Arbeitgeber. Darüber hinaus trägt das Handwerk durch seine überproportionalen Ausbildungsanstrengungen wesentlich zur Bereitstellung qualifizierter Fachkräfte für die Gesamtwirtschaft bei.

Zum anderen existiert noch eine zweite, kleinere Gruppe von Handwerksbetrieben. Diese Betriebe sind innovativ tätig, indem sie neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren komplett selbst oder weiterentwickelt haben, sie weisen einen überregionalen Absatzradius auf und sind in erheblichem Umfang vernetzt, wobei auch häufig Kontakte zu Hochschulen und der Forschung vorhanden sind. Eine wichtige Erkenntnis der Studie ist, dass sich diese Merkmale dabei oft gegenseitig bedingen. Nach den empirischen Erhebungen in der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen dürfte es sich hierbei um etwa 10 % der Handwerksbetriebe handeln.

Entscheidend ist, dass sich diese Merkmale gegenseitig bedingen. So sind diese Betriebe in Forschungs- und Innovationsnetzwerke eingebunden. Dabei liegt die besondere Stärke des Handwerks darin, die Lücke zwischen Entwicklung und Endverbraucher zu schließen, indem es die richtigen Anforderungen an Kundenwünsche bzw. an spezifische Marktanforderungen vornimmt. Das hierbei erworbene Know-how ermöglicht es diesen Betrieben, einen überregionalen oder gar internationalen Absatzradius aufzubauen. So wurde ermittelt, dass fast sämtliche Innovatoren ihre Produkte und Leistungen auch auf Auslandsmärkten absetzen. Die Voraussetzung hierfür liegt in einem qualifizierten Facharbeiterstamm mit hoher Sozialkompetenz. Der Lernprozess im Handwerk funktioniert nicht nur über die herkömmliche Berufslaufbahn (Lehrling, Geselle, Meister) und über die Nutzung des zusätzlichen handwerklichen Weiterbildungsangebotes, sondern auch durch die Weitergabe von spezifischem Wissen von älteren an jüngere Mitarbeiter.

Die Studie zeigt anhand einer ganzen Reihe von Handlungsempfehlungen auch, dass diese positiven Ansätze stärker zu entwickeln sind und die Metropolregion zusammen mit den Handwerkskammern dabei eine Schlüsselrolle einnehmen kann. Das gilt unter anderem für die Vernetzung innerhalb des Handwerks ebenso wie für die Vernetzung des Handwerks mit der Industrie und den Hochschulen, aber auch bei der Entwicklung einer technologiefeldbezogenen Clusterpolitik, die das Handwerk explizit einbezieht.

Vor diesem Hintergrund muss es bei der Formulierung von Ansatzpunkten für eine Förderung des Handwerks vor allem darum gehen, die Betriebe noch stärker in den metropolitanen Prozess, insbesondere der Wissensvernetzung, einzubinden. Die metropolitanen Funktionen des Handwerks müssen dabei Berücksichtigung finden und möglichst noch weiter ausgebaut werden. Dies gilt sowohl für die Betriebe, die bislang eher in den komplementären Feldern einer Metropolregion tätig sind als auch für diejenigen, welche die Basisstrukturen bedienen. Am wichtigsten erscheint es derzeit, die Identifikation mit der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen zu stärken, handwerksgeeignete Vernetzungsstrukturen innerhalb der Metropolregion aufzubauen und durch verschiedene Maßnahmen dazu beizutragen, den erheblichen Facharbeitermangel in diesem Wirtschaftsbereich zu reduzieren.

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