Die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf die niedersächsischen Klein- und Mittelunternehmen am Beispiel des Handwerks

Volkswirtschaftliches Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (Hrsg.) (2008). Die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf die niedersächsischen Klein- und Mittelunternehmen am Beispiel des Handwerks. Kontaktstudium Wirtschaftswissenschaft 2007. Duderstadt.

Die Erweiterung der Europäischen Union um insgesamt zehn neue Staaten aus Mittel- und Osteuropa wurde im deutschen Handwerk lange Zeit mit Sorge betrachtet. Die dadurch entstehenden Chancen, hervorgerufen vor allem durch neue Absatzmärkte, wurden als relativ gering eingeschätzt, da das Handwerk überwiegend regional orientiert ist. Dafür wurden erhebliche Befürchtungen vor einer starken Konkurrenz auf dem heimischen Markt durch Firmen aus diesen Staaten laut, da diese infolge des dort herrschenden deutlich geringeren Lohnniveaus ihre Leistungen günstiger anbieten können. Durch eine Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit und der Dienstleistungsfreiheit für maximal sieben Jahre wurden diese Bedenken zunächst weitgehend zerstreut.

Nachdem nun dreieinhalb Jahren verstrichen sind, kann eine erste Bilanz gezogen werden. Hierfür ist es hilfreich, dass nunmehr erste empirische Daten aus einer breit angelegten Erhebung bei über 8.500 Handwerksunternehmen über deren Auslandsengagement in die neuen Mitgliedsstaaten der EU vorliegen. Danach sind inzwischen 18.000 deutsche Handwerksunternehmen in diesen Staaten tätig. Bei diesen Unternehmen handelt es sich eher um größere Handwerksunternehmen, die vor allem im Kfz-Gewerbe (Export von Gebrauchtwagen und Kfz-Ersatzteilen) und für den gewerblichen Bedarf (Lieferung von speziellen Investitionsgütern, Zulieferteilen) tätig sind.

Dem Baugewerbe war bis vor kurzem in Polen, dem weitaus wichtigsten Markt der Beitrittsstaaten, eine Tätigkeit versagt, weil auch hier die Dienstleistungsfreiheit eingeschränkt war. Die Auswirkungen dieser Begrenzung zeigen sich darin, dass vorwiegend Güter in diese Staaten exportiert werden, Dienstleistungen dagegen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Inzwischen ist die Durchführung von Arbeiten in Polen möglich. Dabei haben sich deutsche Firmen aufgrund ihrer höheren Produktivität als durchaus konkurrenzfähig erwiesen.

Häufig gehen Firmen im Huckepackverfahren mit größeren deutschen Unternehmen in die EU-Beitrittsländer. Insgesamt deutet einiges darauf hin, dass der Export in die neuen EU-Staaten weniger etwas für Exportneulinge, sondern eher etwas für exporterfahrene Unternehmen ist.

Bei dem handwerklichen Export in die Beitrittsländer sind regionale Unterschiede zu konstatieren. Insbesondere im ostbayerischen Grenzraum wurde die Zusammenarbeit mit dem östlichen Nachbarn aus Tschechien in den letzten Jahren sehr stark ausgebaut. Eine solche Entwicklung ist im polnischen Grenzgebiet bislang nicht zu beobachten. Hierfür dürften neben der relativ dünnen Besiedlung in dieser Region vor allem historische Gründe verantwortlich sein.

Betrachtet man den heimischen Markt, so waren Mitte 2007 etwa 25.500 Handwerker aus den neuen Mitgliedsstaaten bei den deutschen Handwerkskammern registriert. Dies sind immerhin 2,7 % des gesamten handwerklichen Betriebsbestandes. Betrachtet man nur die Zugänge, liegt der Anteil insgesamt bei 12,2 %, wobei bei den zulassungsfreien Handwerken im 1. Halbjahr 2007 sogar jede vierte Neuanmeldung aus den neuen Mitgliedsstaaten der EU kam. Dabei ist die Zahl der Zugänge seit dem Beitritt 2004 tendenziell von Halbjahr zu Halbjahr gestiegen. Allerdings erhöhte sich auch die Zahl der Löschungen aus der Handwerksrolle, wobei hier der Anstieg sogar noch stärker ausfiel. Dies zeigt, dass ein erheblicher Teil der Handwerker aus Mittel- und Osteuropa keinen Erfolg auf dem deutschen Markt hat.

Am interessantesten scheint der deutsche Bausektor für die Handwerker aus den östlichen EU-Nachbarstaaten zu sein. Der größte Teil der in Deutschland niedergelassenen Betriebe ist in diesem Bereich tätig, wobei Berufe favorisiert werden, bei denen zur Niederlassung kein Großer Befähigungsnachweis notwendig ist (z.B. Fliesenleger).

Die Handwerker aus den neuen Mitgliedsstaaten konzentrieren sich meist in Ballungsgebieten. Dies ist zum einen das Rhein-Main-Gebiet, zum anderen die relativ grenznahen Kammerbezirke Hannover und Braunschweig sowie die Stadtstaaten Hamburg und Berlin. In den neuen Bundesländern lassen sich nur relativ wenig Handwerker aus den Beitrittsstaaten nieder.

Die hohe Anzahl an Niederlassungen aus den neuen EU-Staaten sagt erstmals nichts darüber aus, ob es sich hierbei sämtlich um Konkurrenten des Handwerks handelt. In vielen Fällen suchen die Handwerker auch eine Zusammenarbeit, indem sie bspw. polnische Ein-Personen-Unternehmen als Subunternehmer einstellen. Dies geht auch aus der Außenwirtschaftsumfrage im Handwerk 2007 hervor. Danach importieren 12.000 Handwerksunternehmen entweder Material, Vorprodukte oder Fremdleistungen aus den neuen Mitgliedsstaaten der EU. Da es sich hierbei zu fast 50 % um Bauunternehmen aus dem Bauhaupt- oder Ausbaugewerbe handelt, dürfte es sich zu einem größten Teil um Fremdleistungen bzw. die Beschäftigung von Subunternehmern handeln. Darüber hinaus werden aber auch Vorprodukte importiert, so bei den Handwerken für den gewerblichen Bedarf oder auch bei den Tischlern. Hierfür dürften primär Kostengründe verantwortlich sein.

Insgesamt sind die Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf das deutsche Handwerk bislang weniger stark ausgefallen, als im Vorfeld erwartet. Dies dürfte auch auf die Übergangsregelungen bei der Dienstleistungsfreiheit zurückzuführen sein. Unabhängig davon, ob diese 2009 noch einmal für zwei Jahre verlängert werden, dürfte längerfristig nur ein Ausbau der partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Firmen aus den östlichen und den westlichen EU-Staaten Erfolge versprechen. Dies gilt vor allem für das Handwerk, das hierauf wegen seiner hohen Arbeitsintensität besonders angewiesen ist.

Die Publikation besteht aus Beiträgen verschiedener Autoren aus der Wissenschaft und den Handwerksorganisationen. Diese gehen zurück auf ein Wirtschaftswissenschaftliches Seminar, welches vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen im Oktober 2007 für die Unternehmensberater des Handwerks speziell aus dem Außenwirtschaftsbereich in Bayreuth durchgeführt worden ist.

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