Strukturentwicklungen im Handwerk

Müller, K. (2015). Strukturentwicklungen im Handwerk. Göttinger Handwerkswirtschaftliche Studien (Band 98). Duderstadt: Mecke.

Die Studie Bd. 98 "Strukturentwicklungen im Handwerk" zeigt auf, dass das Handwerk trotz Konjunktur- oder Finanzkrisen Zuwächse bei Betriebszahlen, Personal und Umsätzen hat und so seine starke volkswirtschaftliche Rolle behaupten kann

Die Unternehmensgrößen eher klein, die Anzahl und Vielfalt der Berufe mit annähernd 100 recht groß – das Handwerk in Deutschland ist eine schwer zu beschreibende Wirtschaftsgruppe. Die Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges hat jetzt das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh) herausgearbeitet:

  • Etwa jedes sechste Unternehmen in Deutschland kam 2012 aus dem Handwerk.
  • Im Handwerk ist fast jeder siebte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte tätig.
  • Der Anteil am Gesamtumsatz der deutschen Wirtschaft beträgt knapp neun Prozent.

Zu diesem Ergebnis kommt die neue ifh-Studie "Strukturentwicklungen im Handwerk" durch eine vergleichende Auswertung der Handwerkszählungen des Statistischen Bundesamtes 2008 und 2012 sowie weiterer Daten aus dem Zentralverband des Deutschen Handwerks, die der Spitzen­verband durch Umfragen der meisten Handwerkskammern erhoben hat.

Die reale Wirtschaftskraft des Handwerks ist sogar noch höher anzusetzen. Denn für den vor­gelegten volkswirtschaftlichen Vergleich zählten die handwerksähnlichen Gewerbe (B2-Handwerke) und die nicht umsatzsteuerpflichtigen Kleinstunternehmen nicht mit. Nach der Umstellung der Handwerkszählung auf das Unternehmensregister werden sie in der Bundes­statistik nicht mehr berücksichtigt.

Trotz tiefgreifender binnen- und internationaler Krisensituationen wie einbrechender Baukon­junktur oder Finanzkrise hat sich das Handwerk seit 2008 positiv entwickelt, stellt die Studie fest. Der Unternehmensbestand hat sich demnach leicht um 1,1 % erhöht, der Umsatz legte sogar um 8,2 % zu. Auch die Zahlen der im Handwerk tätigen Personen stiegen deutlich (+ 3,3), ebenso wie die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (+ 4,9). Insgesamt gehören gut 580.000 Unternehmen mit knapp 5,1 Mio. Personen zum Handwerk, die im Jahr 2012 einen Umsatz von etwa 510 Mrd. Euro erzielt haben.

Die einzelnen Branchen entwickelten sich aufgrund verschiedenster Faktoren sehr differenziert. Die ifh-Studie spiegelt auch die Auswirkungen der Reform der Handwerksordnung (HwO) wider, mit der diese Wirtschaftsgruppe 2004 in einen zulassungspflichtigen und einen zulassungsfreien Bereich (A- und B1-Handwerke) geteilt wurde. Der Gründungsboom in den B1-Handwerken, für die es seither keine Zugangsvoraussetzungen mehr gibt, ließ die Anzahl der Ein-Personen-Unternehmen, der sogenannten Soloselbstständigen, auf 46 % schnellen. Rechnete man die Unternehmen ohne Umsatzsteuerpflicht hinzu, käme man sogar auf etwa 62 %. In den A-Handwerken hat sich hingegen in den letzten Jahren wieder eine leichte Konzentrations­tendenz durchgesetzt. Die Unternehmen sind im Schnitt etwas größer geworden.

Fast 44 % aller Handwerksbetriebe sind als Bau- und Ausbaugewerke von der Entwicklung am Bau abhängig. Durch die lange Krisenphase der Bauwirtschaft von Mitte der 90er Jahre bis etwa 2005 sank die Beschäftigtenzahl um etwa 1,1 Millionen. Erst nach 2008 erholte sich dieser Handwerkszweig so weit, dass die Beschäftigtenzahl im Bauhauptgewerbe um fünf und bei den Ausbaugewerken um 4,3 % anstieg. Die Investitionsgüterhersteller und Zulieferer-Handwerke erfuhren durch die Finanzkrise 2008/09 einen starken Einbruch, der in den Folgejahren nur lang­sam überwunden werden konnte.

Lebensmittel-, Kfz- und Gesundheitshandwerke erleben seit mehreren Jahren einen Konzentra­tionsprozess, der zum Teil auch mit einer verstärkten Filialisierung einhergeht. Für die Lebens­mittelhandwerke beobachtet das ifh die Tendenz, dass größere Unternehmen die Zahl ihrer Filialen erhöhen und kleinere Unternehmen schließen. Inzwischen werden hier 60 % des Umsatzes von den handwerklichen Großunternehmen erzielt. Eine völlig andere Entwicklung nehmen die Handwerke für den privaten Bedarf. Diese Unternehmen sind im Durchschnitt am kleinsten, und vor allem infolge der Zulassungsfreiheit vieler Gewerke dieser Gruppe ist die durchschnittliche Unternehmensgröße leicht gefallen. Fast drei Viertel aller Unternehmen beschäftigen weniger als fünf Mitarbeiter.

Diese sehr differenzierten Entwicklungen führen seit einigen Jahren insgesamt zu einer leichten Polarisierung innerhalb des Handwerks. Sowohl die Kleinst- als auch die Großunternehmen haben in den vergangenen Jahren an Gewicht gewonnen, was insbesondere in der Umsatz­entwicklung abzulesen ist. Die mittleren Größenklassen haben dagegen an Bedeutung verloren.

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