Neue Daten zu den Auswirkungen der Teilderegulierung des Handwerks 2004

Müller, K. (2018). Neue Daten zu den Auswirkungen der Teilderegulierung des Handwerks 2004. Göttinger Beiträge zur Handwerksforschung (Heft 19). Göttingen.

Vor 14 Jahren wurde das Gesetz zur Ordnung des Handwerks, besser bekannt als die Handwerks­ordnung (HwO), novelliert. Seither muss für die Mehrzahl der Handwerkszweige keine berufliche Qualifizierung mehr nachgewiesen werden, um sie als selbstständiges Gewerbe auszuüben; sie sind folglich zulassungsfrei. Als ein Erfolg der HwO-Novelle wird angesehen, dass dadurch ein Existenz­gründungsboom entstanden sei. Kritisch ordnet eine neue Studie des ifh Göttingen die Folgen der HwO-Novelle ein und nennt sie einen "gravierenden Einschnitt in das Gefüge der deutschen Handwerkswirtschaft".

Die Untersuchung zeigt, dass Vieles, was als wirtschaftlicher Erfolg im Segment der zulassungsfreien Berufe der HwO-Novelle zugeschrieben wird, auf andere Einflussfaktoren zurückzuführen ist, wie z.B. Nachfrage- und Angebotsbedingungen. Die ifh-Studie hat vier Indikatoren herausgearbeitet, an denen sich die Folgen der Trennung in zulassungspflichtige und -freie Berufe festmachen lassen: Die Zahl der Meisterprüfungen und die der Neugründungen, die Überlebensrate der Gründungen und die Unternehmensgrößenstruktur. Für die beiden letztgenannten Indikatoren macht die Untersuchung einen Trend zu kleineren, häufig nicht lange am Markt bestehenden Betriebseinheiten aus. Das zeige sich auch in dem gestiegenen Anteil an Soloselbstständigen. Die Erträge dieser Betriebe sind meist relativ gering, woraus negative Auswirkungen auf die Altersvorsorge resultieren.

Eindeutig auf die HwO-Reform sei der Rückgang der Meisterzahlen zurückzuführen, betont die Studie. Der Meisterbrief ist in allen zulassungsfreien Handwerksberufen als Zugangsvoraussetzung zur Selbstständigkeit weggefallen, entsprechend sinkt der Anreiz, die Meisterprüfung abzulegen. Die Folgen für die handwerkliche Wirtschaftsstruktur bedürfen jedoch weiterer Forschung. Etwa zu der Frage, welche Auswirkungen die vielen Unternehmensneugründungen von gering qualifizierten Inhabern auf die Güte handwerklicher Arbeit haben. Können die vielen Soloselbstständigen in den zulassungsfreien Handwerken noch nennenswert zur Innovationsleistung im Handwerk beitragen? Ist ihnen noch möglich, an einem Qualitätswettbewerb teilzunehmen?

Auch die Auswirkungen der HwO-Reform für die Humankapitalbildung im Handwerk und ihre Folgen für die Funktionsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft sind noch nicht klar ermittelt. Die Studie zeigt bereits, dass in den zulassungsfreien Handwerkszweigen die Ausbildung von handwerklichem Nach­wuchs teilweise deutlich zurückgegangen ist. Da nicht nur die Handwerksbranchen selbst, sondern weite Teile der deutschen Wirtschaft auf die Facharbeiterausbildung im Handwerk angewiesen sind, könnte sich die Frage nach den Auswirkungen der HwO-Deregulierung schon bald neu im Kontext des Fachkräftemangels stellen, argumentiert die aktuelle Untersuchung des ifh Göttingen.

Download der Studie


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