Mechanismen, Erfolgsfaktoren und Hemmnisse der Digitalisierung im Handwerk

Proeger, T.; Thonipara, A. & Bizer, K. (2020). Mechanismen, Erfolgsfaktoren und Hemmnisse der Digitalisierung im Handwerk. Göttinger Beiträge zur Handwerksforschung (Heft 35). Göttingen.

In Kürze

  • Grundlage der Studie ist eine Umfrage unter Beauftragten für Innovation und Technologie sowie Mitarbeitern der regionalen Schaufenster des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk.
  • Die Betriebe haben Interesse an der Digitalisierung von Prozessen und an aktuellen Förderprogrammen sowie an Best-Practice-Beispielen der eigenen Branche.
  • Gründe für die Durchführung von Digitalisierungsmaßnahmen sind v.a. Effizienzsteigerungen und die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben.
  • Anfangsinvestitionen in Prozess-Digitalisierung lösen häufig Folgeinvestitionen aus; dasselbe gilt für finanzielle Förderungen.
  • Zuschussförderungen für Digitalisierungsinvestitionen werden als das effektivste Mittel zur Digitalisierungsförderung eingeschätzt.
  • Zentrale Hemmnisse für Digitalisierungsbemühungen sind die gute Auftragslage, finanzielle Kosten und fehlende Mitarbeiterqualifikationen.
  • Digitalisierungsprojekte scheitern oftmals am Mangel an Zeit, interner Organisation und Mitarbeiterqualifikation.
  • Erfolgsfaktoren sind die Einbindung der Mitarbeiter, finanzielle Förderung sowie die Einbettung der Digitalisierungsmaßnahmen in die Unternehmensstrategie.

Zusammenfassung

Die Digitalisierung von Handwerksbetrieben und die effektive Förderung dieses Prozesses sind ein wichtiger Baustein für die Erhöhung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit des Handwerks. Um die zugrundeliegenden Prozesse und Einflussmöglichkeiten zu analysieren, wurde eine Umfrage unter den Beauftragten für Innovation und Technologie (BIT) sowie bei den Mitarbeitern der regionalen Schaufenster des Kompetenzzentrums Digitales Handwerk (KDH) durchgeführt. Es wurden dabei Fragen zum Einstieg in Digitalisierungsprozesse, zu deren innerbetrieblicher Funktionsweise sowie zu Erfolgsfaktoren / Hemmnissen gestellt.

Im Hinblick auf den Einstieg in Digitalisierungsprozesse zeigt sich, dass Informations-veranstaltungen zu allgemeinen, aber auch spezifischen Themen der Digitalisierung besonders effektive Formate zur Kontaktaufnahme mit Unternehmen sind. Vor allem die Digitalisierung unternehmensinterner Prozesse sowie aktuelle Förderprogramme wecken bei Betrieben das Interesse an Digitalisierungsmaßnahmen. Best-Practice-Beispiele von Vorreiterbetrieben in der eigenen Branche sind für Betriebe wichtig.

Die Funktionsweise des Digitalisierungsprozesses wird von den Befragten wie folgt eingeschätzt: Für die Geschäftsführung der Betriebe sind Effizienzsteigerungen und die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben zentrale Gründe für die Durchführung von Digitalisierungsmaßnahmen. Wenn eine erste Digitalisierungsmaßnahme durchgeführt wurde, führt sie häufig zu weiteren Investitionen in Digitalisierung. Dies ist besonders bei der Digitalisierung unternehmensinterner Prozesse der Fall. Finanzielle Förderung von Digitalisierungsvorhaben löst häufig Folgeinvestitionen in weitere Digitalisierungsschritte aus. Hierbei wird die Zuschussförderung für Investitionen in Digitalisierung als besonders effektives finanzielles Förderinstrument für die Digitalisierung der Betriebe eingeschätzt.

Auf Ebene der Erfolgsfaktoren und Hemmnisse zeigt sich, dass der aktuell fehlende betriebswirtschaftliche Druck, die direkten finanziellen Kosten von Digitalisierungsmaßnahmen und fehlende Mitarbeiterqualifikationen die wichtigsten Hindernisse für den Beginn von Digitalisierungsmaßnahmen sind. Einmal begonnene Digitalisierungs-maßnahmen scheitern am häufigsten an fehlender Zeit zur Implementierung, fehlender interner Organisation zur Umsetzung sowie fehlender Mitarbeiterqualifikation. Erfolgsfaktoren bei Digitalisierungsmaßnahmen sind die Einbindung der Mitarbeiter, die finanzielle Förderung sowie die Einbettung der Digitalisierungsmaßnahmen in die Unternehmensstrategie.

Ausführliche Zusammenfassung

Die vorliegende Studie nutzt Umfrageergebnisse unter den Praktikern des Wissenstransfers in Digitalisierungsfragen, um allgemeine Erkenntnisse über die Mechanismen und förderliche bzw. hinderliche Faktoren der Digitalisierung im Handwerk hervorzubringen. Hierbei werden drei Ebenen unterschieden: der Einstieg in Digitalisierungsprozesse, die Funktionsweise sowie übergreifende Hemmnisse und Erfolgsfaktoren.

Der Einstieg in Digitalisierungsprozesse wird aus Sicht der Befragten am besten durch allgemeine und themenspezifische Veranstaltungsformate organisiert, wobei die Digitalisierung von Unternehmensprozessen sowie aktuelle Förderprogramme bei den Betrieben das höchste Interesse erzeugen. Als weiterer Anreiz für den Einstieg in Digitalisierungsprojekte dient der Vergleich mit Betrieben innerhalb der eigenen Branche. Auf Ebene der Funktionsweise des Digitalisierungsprozesses zeigt sich, dass ein primäres Ziel von Digitalisierungsmaßnahmen die Effizienzsteigerung und die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben ist. Dabei führen Einstiegsinvestitionen häufig zu Folgeinvestitionen. Dies ist besonders häufig bei Investitionen in Prozessverbesserungen der Fall. Finanzielle Förderung, insbesondere die Zuschussförderung für Investitionen, wird als effektives Mittel zur Unterstützung der Digitalisierung eingeschätzt. Zentrale Hemmnisse der stärkeren Digitalisierung liegen aus Sicht der Befragten primär im aktuell fehlenden betriebs¬wirtschaftlichen Druck und sekundär bei den finanziellen Kosten sowie fehlender Mitarbeiterqualifikation. Digitalisierungsprojekte scheitern häufig an zu geringer Zeit für die Implementierung, zu schwacher interner Organisation und fehlender Mitarbeiterqualifikation. Auf Seiten der Erfolgsfaktoren werden vor allem die Einbindung der Mitarbeiter, finanzielle Förderungen und eine umfassende Einbindung der Digitalisierung in die Unternehmensstrategie genannt.

Diese Umfrageergebnisse lassen sich in die bisherigen Forschungsergebnisse einordnen. Ein zentrales Ergebnis aus der Analyse der Nutzerdaten der Bedarfsanalyse Digitalisierung ist die These, dass die innerbetriebliche Digitalisierung ein in sich zusammenhängender Prozess ist, der oftmals mit der digitalen Prozessoptimierung beginnt und sich von selbst mit jeweils sinnvollen nächsten Digitalisierungsschritten fortsetzt. Hieraus wurde die These aufgestellt, dass die Digitalisierungsförderung „den digitalen Stein ins Rollen“ bringen muss, indem niedrigschwellige Maßnahmen implementiert werden. Die Umfrageergebnisse stützen diese Interpretation und zeigen, dass finanzielle Förderung wichtig ist, die sich auf Prozess-verbesserungen konzentriert, welche einen Einstieg in die Digitalisierung darstellen können. Diese zusätzliche Evidenz ordnet sich wiederum in die Forschungsliteratur zum handwerklichen Innovationsmodus ein, der sich primär auf inkrementelle Verbesserungen von Produkten und Dienstleistungen konzentriert und durch schrittweise Prozessverbesserungen gekennzeichnet ist. Unterstützt wird ferner die Interpretation im Kontext des digitalen Marketings bzw. der Plattformnutzung, nach der ein wichtiges Hindernis für den Ausbau der digitalen Präsenz der fehlende betriebswirtschaftliche Druck aufgrund der positiven konjunkturellen Lage ist. Dieser Aspekt kann folglich allgemeiner gefasst als Hindernis für die gesamten Digitalisierungsprojekte aufgefasst werden. Dies erscheint nicht selbstverständlich, da eine positive konjunkturelle Lage und eine hohe Auslastung der Betriebe auch als Anlass für umfassende Investitionen und die Schaffung neuer Kapazitätsfreiräume durch digitale Lösungen genutzt werden könnte. Dies scheint aus Sicht der Befragten jedoch oftmals nicht der Fall zu sein.

Schließlich können auf Basis der Ergebnisse eine Reihe von Implikationen für die künftige Digitalisierungsförderung formuliert werden. Die Umfrage zeigt, dass Fördermittel als Zuschuss zu Investitionen aus Sicht der Berater ein sinnvolles Mittel zum Anstoßen von Folgeinvestitionen und damit eines in sich zusammenhängenden Digitalisierungsprozesses darstellen. Radikale Innovationsschritte hin zu grundlegend neuen Technologien sind dabei wenig realistisch bzw. für die Mehrzahl der Unternehmen kein geeignetes Mittel, um in die Digitalisierung einzusteigen – vielmehr sind inkrementelle, prozessorientierte Digitalisierungsschritte erforderlich, die sich einfach und mit geeigneter Beratung flankiert in die bestehende Unternehmensstrategie einbinden lassen. Der Förderfokus sollte demnach auf der weiteren Verbesserung der niedrigschwelligen Angebote liegen und einfach zu erlangende finanzielle Zuschüsse für den Einstieg in die Digitalisierung beinhalten.

Neben dem optimalen Anstoßen des Digitalisierungsprozesses sollte ferner die Aus- und Weiterbildung als dauerhafte Erfolgsbedingung der Digitalisierung betrachtet werden. Für alle Alters- und Qualifikationsstufen sind digitalisierungsbezogene Ausbildungsformate und -inhalte zweckmäßig, die geeignet sind, die Mitarbeiter der Betriebe im Prozess der Digitalisierung zu unterstützen, um so Akzeptanz, Motivation und Fähigkeiten zu erhalten oder aufzubauen. Ihr Aufbau und ihre kontinuierliche Weiterentwicklung stellt eine zentrale Erfolgsbedingung dauerhaft wirksamer Digitalisierungsförderung dar.

Als weiterer wichtiger Aspekt aus der Umfrage kann die oftmals geringe Bereitschaft zur Investition in Digitalisierungsmaßnahmen in Zeiten einer ausgesprochen positiven Auftragslage genannt werden. Dies kann insofern problematisch sein, als dass Digitalisierungsprojekte in allen Bereichen Zeit und innerbetriebliche Ressourcen in Anspruch nehmen, um wirksam zu werden. Es erscheint daher fraglich, ob diese Ressourcen in einer konjunkturellen Abschwächung eingesetzt werden oder ob die Betriebe in diesem Fall erneut andere Prioritäten bilden. Dies kann die Wettbewerbsfähigkeit derjenigen Betriebe beeinträchtigen, die aktuell nicht bereit sind, Investitionen in die mittelfristige Effizienz- und Produktivitätserhöhung durch digitale Technologien zu tätigen. Profitieren würden im konjunkturellen Abschwung somit Betriebe, die rechtzeitig die neuen technologischen Möglichkeiten ergriffen haben. Gleichzeitig ist zu beachten, dass der demographisch bedingte Fachkräftemangel im Handwerk mittelfristig zu einer hohen Auslastung des Handwerks auch im konjunkturellen Abschwung führen kann. Obwohl prinzipiell positiv, wäre somit der Druck zu einer stärkeren Realisierung von Digitalisierungsschritten und die dadurch mögliche mittelfristige Erzielung von Produktivitätsgewinnen im Handwerk nicht gegeben. Es ist folglich ein wichtiges Ziel für die Handwerksorganisationen, Formate und Angebote zu entwickeln, die eine Motivation bei den Betrieben erzeugt, den Druck des Tagesgeschäfts zurückzustellen, um Zeit und Ressourcen in die Digitalisierung zu investieren.

Download der Studie

Als inhaltlicher Ansprechpartner zu den Ergebnissen dieser Studie steht
Dr. Till Proeger zur Verfügung.



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